VSE-Energiezukunft 2050 – eine erste Einordnung

Abbildung 1: Titelblatt der Studie Energiezukunft 2050 (Bildquelle: https://www.strom.ch/de/energiezukunft-2050/resultate).

16. Dezember 2023

Eine erste Durchsicht der neuesten Studie des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) bringt wenig Neues. Im Wesentlichen werden lediglich die Resultate der Energieperspektiven 2050+ des Bundes mit leichten Variationen wiederholt. Ein Unterschied besteht: Die Integration der Schweiz in den EU-Energiemarkt wird in der VSE-Studie als essenziell dargestellt.

Im Rahmen des Branchenprojektes «Energiezukunft 2050» hat der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE seine Studie «Wege in die Energiezukunft» aus dem Jahr 2012 unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Klimastrategie 2050 auf das Gesamtenergiesystem der Schweiz aktualisiert (https://www.strom.ch/de/energiezukunft-2050/resultate). Die am 13. Dezember 2022 publizierte Studie untersucht mögliche Optionen zum Umbau des schweizerischen Energiesystems und deren Auswirkungen, insbesondere in Bezug auf die Erfüllung der Energie- und Klimaziele der Schweiz. Hier die Ergebnisse meiner ersten Sichtung der Resultate.

Die VSE-Studie basiert in weiten Teilen auf den Grundlagen der Energieperspektiven 2050+ des Bundes (https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/politik/energieperspektiven-2050-plus.html). Entsprechend ähnlich sind die Resultate. Deshalb kann sie auch nicht zur Verifikation der EP2050+ herangezogen werden.

Die Unterschiede liegen bei den vier untersuchten Szenarien. Statt verschiedener Zielerreichungsszenarien werden je zwei Szenarien mit unterschiedlicher Umsetzungsgeschwindigkeit und zwei Szenarien mit unterschiedlichem Integrationsgrad im europäischen Energiemarkt unterschieden.

Die Resultate zu den genannten Szenarien sind sehr ähnlich und angesichts der sehr grossen Unsicherheiten bei den Modellannahmen nicht wirklich signifikant. Im Folgenden sind meine Bemerkungen zu den zentralen Schlussfolgerungen der VSE-Studie zusammengestellt:

  1. Ohne massiv beschleunigten Zubau und massive Steigerung der Effizienz, fokussierten Um- und Ausbau der Netze sowie einem engen Energieaustausch mit Europa erreichen wir die Energie- und Klimaziele nicht.
    Dem kann ich nur zustimmen. Die Energiestrategie ist zurzeit überhaupt nicht auf Kurs und zur Erreichung der Klimaziele sind zudem verschieden gesetzliche Anpassungen nötig.
  2. Der Strombedarf in der Schweiz wird zunehmen.
    Ja klar. Niemand je etwas anderes behauptet.
  3. Hohe Akzeptanz für neue Energieinfrastruktur und enge Energiekooperation mit der EU schaffen beste Voraussetzungen für die Versorgungssicherheit und das Erreichen der Energie- und Klimaziele zu den geringsten Kosten.
    Auch wenn die Unterschiede zwischen den untersuchten Szenarien klein sind, wird der erste Teil der Schlussfolgerung durch die Studienergebnisse gestützt. Der postulierte Vorteil einer engen Energiekooperation mit der EU kann aus der Studie nur mit viel gutem Willen abgeleitet werden.
  4. Ein umgebautes Energiesystem ist aufgrund der erhöhten Effizienz günstiger als der Status quo.
    Das wäre ausserordentlich erstaunlich, denn wenn dies der Fall wäre, bräuchte es keine staatlichen Interventionen zur Erreichung der Klimaziele. Aufgrund meiner eigenen Abschätzungen komme ich auf erhebliche Mehrkosten (vgl. https://georgschwarz.ch/variantenvergleich/). In einem späteren Beitrag werde ich auf die Kostenberechnung zurückkommen.
  5. Der Umbau des Energiesystems reduziert die Importabhängigkeit bei der Energie der Schweiz insgesamt um den Faktor 4 bis 6.
    Das stimmt, dabei ist aber auch die Lagerfähigkeit des Importgutes und die Diversität der Bezugsquellen zu berücksichtigen. Erdöl ist gut lagerbar und kann aus einer Vielzahl von Ländern importiert werden. Dies ist beim in der VSE-Studie favorisierten Strom- oder Wasserstoffimport nicht der Fall. In beiden Fällen riskiert die Schweiz in eine Abhängigkeit von der EU zu geraten.
  6. Die Schweiz bleibt Stromimporteurin.
    Dies wird in der VSE-Studie lediglich unterstellt. Es geht aber auch ohne Stromimporte
  7. Klimaneutralität ist nur über eine umfassende Elektrifizierung möglich.
    Eine weitere Binsenwahrheit.
  8. Wasserkraft bleibt die tragende Säule im schweizerischen Energiesystem.
    Und noch eine Binsenwahrheit.
  9. Alpine Photovoltaik und Windkraft bringen für die Stromversorgung im Winter wesentliche Vorteile.
    Und nochmals eine weitere Binsenwahrheit. Es stellt sich hier einzig die Frage, weshalb angesichts der genannten wesentlichen Vorteile der Einsatz von alpiner Photovoltaik und Windkraft in der VSE-Studie auf einen Bruchteil ihres eigentlichen Ausbaupotenzials beschränkt werden.
  10. Wasserstoff kann zu einem essenziellen Element der schweizerischen Energieversorgung werden.
    Können täte er schon, aber warum er es auch tatsächlich sollte, wird aufgrund der VSE-Studie nicht klar. Auch hier werde ich nachhaken.
  11. Versorgungssicherheit bedingt Backup-Kraftwerke und Speichervorhaltung.
    Weshalb trotz des Lobgesanges auf die EU-Integration trotzdem Backup-Kraftwerke und Speichervorhaltung benötigt werden, wird in der Studie weder begründet noch erklärt. Ich nehme es trotzdem zur Kenntnis.
  12. Der Umbau des Energiesystems bedingt einen Um- und Ausbau des Stromnetzes.
    Dazu hatte ich mir von der vorliegenden Studie eigentlich einige Ergebnisse erwartet und werde um weitere sechs Monate vertröstet.

Fazit:
Für den ganzen Aufwand, der für die Studie getrieben wurde, ist das Resultat mager.
Dabei hätte die eingesetzte Methodik durchaus das Potenzial, für überraschende Einsichten zu sorgen. Leider wurden die Randbedingungen so gesetzt, dass die immer gleiche Leier als Resultat herauskommt. Wenn das Ausbaupotenzial von alpiner Photovoltaik und Windkraft inputseitig auf 5 TWh/a beschränkt, statt auf 90 TWh/a veranschlagt wird, kommt auch das beste MILP-Programm zum Schluss, dass die beiden Technologien nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Stattdessen wird in den Schlussfolgerungen die Bedeutung des Wasserstoffs über Gebühr hervorgehoben. Die Resultate der Studie widerspiegeln das nicht so. Darüber hinaus wird damit eine allfällige, diesbezügliche, zukünftige Marktzugangsbeschränkung der EU herbeibeschworen. Insgesamt bleibt der Verdacht, dass der VSE die ganze Übung nur deshalb gemacht hat, um für das Stromabkommen mit der EU zu werben.

Das wäre auch billiger gegangen, Herr Frank. Jetzt warte ich gespannt auf die Resultate der angekündigten weiterführenden Studie zum Netzausbau.

1 Kommentar zu «VSE-Energiezukunft 2050 – eine erste Einordnung»

  1. Philippe Huber

    Die Ergebnisse der VSE Studie basieren ebenfalls auf das Prinzip Hoffnung, dass nach der Abschaltung der KKW noch viel mehr Strom als heute im Winter in der Nacht günstig und sicher importiert werden kann!
    Und das auch Wasserstoff ebenfalls in genügenden Mengen günstig produziert und importiert werden kann. Das Modell der EMPA ist aber eine gute Grundlage, um Simulationen durchzuführen, da es erlaubt Varianten gegenüberzustellen. Es erweckt trotzdem den Eindruck, dass der VSE und die EMPA nachweisen wollten, dass eine Energiewende ohne KKW günstig und sicher möglich ist …. Dabei wurde u.a. auch den Bedarf an Reservekraftwerken bei Dunkelflauten mit 1’000 MW massiv unterschätzt.

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