Sommersonnenstrom ─ teuer und trotzdem kaum verkäuflich
Abbildung 1: Solardach auf dem ALDI SUISSE-Logistikzentrum in Perlen (Bildquelle).
21. Juli 2025
Im Juni dieses Jahres wurde in der Schweiz mit 1’223 GWh ein neuer Rekord bei der Solarstromproduktion erzielt. Das war zu viel für den Strommarkt. Der Marktpreis lag bei 23 CHF/MWh, einem Achtel der Produktionskosten. Für die Deckung der Differenz zahlten die Stromkunden letztes Jahr 720 Mio. CHF und werden bis 2035 weitere 12,6 Mia. CHF zahlen müssen. Viel Geld für eine Technologie, die im Winter nicht in der Lage ist, den schweizerischen Strombedarf zu decken und im Sommer riesige, kaum verkäufliche Überschüsse produziert.
Solarstromproduktion im Juni 2025
Nach einem regnerischen, lokal auch sehr nassen, Monatsbeginn setzte sich ab dem 8. Juni 2025 die Sonne durch. Am meisten Sonnenschein erhielten die Regionen Alpennordhang und Nord- und Mittelbünden. Die Rekordwerte der Jahre 2022 und 2023 wurden zwar nicht ganz erreicht. Trotzdem lag die monatliche Sonnenscheindauer schweizweit zwischen 108 % und 163 % des Referenzwertes von 1991-2020.
Aufgrund der überdurchschnittlichen Sonnenscheindauer im Juni war auch die Stromproduktion der schweizerischen PV-Anlagen hoch. In Kombination mit dem grossen Kapazitätszubau der letzten Jahre wurde mit 1’223 GWh ein neuer monatlicher Produktionsrekord erreicht. Der Spitzenwert wurde am 9. Juni 2025 mit 48.5 GWh registriert.
Börsenstrompreise im Juni 2025
Ist dieser Produktionsrekord ein Grund zum Jubeln? Wenn man die damit am Strommarkt erzielten Erlöse betrachtet, eher nein. In Abbildung 3 sind die Börsenstrompreise und die Stromproduktion der PV-Anlagen im Juni 2025 dargestellt.

Abbildung 3: Börsenstrompreis (Day Ahead Auktion) in CHF/MWh (rot) sowie die Stromproduktion der schweizerischen PV-Anlagen im Juni 2025 in MW (gelb) (Quelle: Energy Charts).
Aufgrund der grossen Menge an Solarstrom am Markt lagen deshalb die Strompreise zur Mittagszeit meistens nahe bei Null oder sogar darunter. Entsprechend tief war der mit PV-Strom an der Börse erzielbare Erlös. Im Monatsdurchschnitt lag der BFE-Referenzmarktpreis bei lediglich 22,90 CHF/MWh.

Abbildung 4: Börsenstrompreis (Day Ahead Auktion) in CHF/MWh (rot) sowie die Stromproduktion der schweizerischen Speicherkraftwerke im Juni 2025 in MW (blau) (Quelle: Energy Charts).
Nicht jeder Strom war im Juni 2025 so billig. In Abbildung 4 sind wiederum die Börsenstrompreise und diesmal die Produktion der Speicherkraftwerke dargestellt. Ihre Produktion ist gut regelbar. Deshalb produzieren sie zu Zeiten ohne PV-Produktion mit entsprechend höheren Preisen. Im Monatsdurchschnitt erzielten die Speicherkraftwerke so einen Erlös von 78,90 CHF/MWh, rund dreimal mehr als mit Photovoltaik.
Nicht jeder Monat ist so extrem wie der Juni 2025. So belief sich der Marktpreis für PV-Strom im Dezember 2024 auf 119,40 CHF/MWh. Da PV-Anlagen im Winter nur sehr wenig Strom liefern, können sie von diesen hohen Preisen aber auch nur wenig profitieren. Im Jahresmittel erzielten PV-Anlagen 2024 einen Marktpreis von 44,10 CHF/MWh, rund 50% weniger als Speicherkraftwerke.
Produktionskosten der Gebäudephotovoltaik
Wie oben gezeigt, kann man Solarstrom im Sommer spottbillig einkaufen. Das heisst jedoch nicht, dass sich dieser Strom auch spottbillig produzieren lässt. Im Folgenden werden die Produktionskosten einer typischen Solardachanlage mit einer Leistung von 10-30 kW hergeleitet. Dies entspricht einer Anlage für ein Mehrfamilienhaus. Für weitere Anlagetypen und detailliertere Angaben zum Produktionspotenzial und zur Kostenstruktur der Gebäudephotovoltaik verweise ich auf den entsprechenden Hintergrundbeitrag in meinem Blog: https://georgschwarz.ch/gebaeude-pv/ .
Die Produktionskosten der Photovoltaik auf Gebäuden werden von den Kapitalkosten dominiert. Nachdem die Solaranlagen im Zeitraum zwischen 2000 bis 2020 rund zehnmal billiger geworden sind, ist dieser Trend seit 2020 zum Stillstand gekommen. Die Kosten für Solaranlagen sind seither sogar leicht gestiegen.
Die Preisbeobachtungsstudie des BFE beziffert die Kosten einer typische PV-Dachanlage mit einer Leistung von 10-30 kW heute auf rund 2’300 CHF pro kW installierter Leistung. Zusätzlich fallen pro Jahr Betriebskosten an. Gemäss der BFE-Broschüre zu den Betriebskosten von Photovoltaikanlagen, belaufen sich diese ohne Berücksichtigung der Eigenleistungen der Hausbesitzer, auf rund 34 CHF pro kW installierter Leistung und Jahr.
In Tabelle 1 sind die Produktionskosten der betrachteten PV-Dachanlage unter verschiedenen Finanzierungsbedingungen zusammengestellt. Es wurde angenommen, dass die Stromproduktion der Photovoltaikmodule mit zunehmendem Alter um 0,5% pro Jahr abnimmt (Degradation). Am Ende ihrer Betriebsdauer von 30 Jahren produziert die Solaranlage somit nur noch rund 86% ihrer Anfangsproduktion.
Die drei aufgeführten Spalten unterscheiden sich bezüglich Zinsniveau und Investitionsbeiträgen. Wenn, wie in den Energieperspektiven 2050+ oder im Legislaturfinanzplan 2021 bis 2023 der Eidgenössischen Finanzverwaltung von einem Realzins von 1,6% ausgegangen wird, ergeben sich bei einem mittleren spezifischen Ertrag von 949 kWh/kW Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Electricity, LCOE) von 143 CHF/MWh (Spalte PV-Anlage Realzins).
Das BFE verwendet bei seinen Wirtschaftlichkeitsbewertungen für Photovoltaik-Grossanlagen einen höheren Zinssatz von 4,07%. Mit diesem sogenannten WACC-Zinssatz werden auch das Risiko des Investors und allfällige Fremdkapitalkosten abgegolten. Mit dem genannten WACC-Zinssatz belaufen sich die Stromgestehungskosten auf 184 CHF/MWh (Spalte PV-Anlage WACC). Wird die aktuell gültige Einmalvergütung (EIV) für Aufdachanlagen von 380 CHF/kW mitberücksichtigt, sinken die Stromgestehungskosten für den Investor auf 151 CHF/MWh (Spalte PV-Anlage mit EIV).
Tabelle 1: Produktionskosten einer typischen PV-Dachanlage mit einer Leistung von 10-30 kW unter verschiedenen Finanzierungsbedingungen.
| Bezeichnung | Einheit | PV-Anlage Realzins | PV-Anlage WACC | PV-Anlage mit EIV |
| Konstanten | ||||
| Leistung | [kW] | 1.0 | 1.0 | 1.0 |
| Spezifischer Ertrag | [kWh/kW] | 949 | 949 | 949 |
| Nutzungsdauer | [a] | 30 | 30 | 30 |
| WACC | [%] | 0.0160 | 0.0407 | 0.0407 |
| Degradation | [%] | 0.0050 | 0.0050 | 0.0050 |
| Kombinationszins | [%] | 0.0211 | 0.0459 | 0.0459 |
| Abzinsfaktor | 22.697 | 16.443 | 16.443 | |
| Investitionen | [CHF] | 2’300 | 2’300 | 1’920 |
| Investition | [CHF] | 2’300 | 2’300 | 2’300 |
| Subvention | [CHF] | 0 | 0 | -380 |
| Jährliche Kosten | [CHF/a] | 34 | 34 | 34 |
| Betrieb | [CHF/a] | 20 | 20 | 20 |
| Unterhalt | [CHF/a] | 14 | 14 | 14 |
| Produktionskosten | [CHF/a] | 136 | 174 | 151 |
| Kapitalkosten | [CHF/a] | 101 | 140 | 117 |
| Jährliche Kosten | [CHF/a] | 34 | 34 | 34 |
| Jahresproduktion | [kWh/a] | 949 | 949 | 949 |
| LCOE | [CHF/MWh] | 143 | 184 | 159 |
Die Stromgestehungskosten aller drei betrachteten Varianten liegen mit Werten zwischen 143 CHF/MWh und 184 CHF/MWh weit über den zu erwartenden Marktpreisen von 44 CHF/MWh. Selbst Grossanlagen mit einer Leistung von mehr als 1’000 kW haben unter Berücksichtigung der Einmalvergütung mit 91 CHF/MWh höhere Produktionskosten.
Förderbeiträge für Photovoltaikstrom
Die Marktpreise reichen bei weitem nicht aus, um die Produktionskosten von Gebäude-Photovoltaikanlagen zu decken. Um diese Lücke zu füllen, werden deshalb die folgenden Förderbeiträge zur Verfügung gestellt:
- Einspeisevergütung durch Energieversorger: Die lokalen Energieversorger vergüten den eingespeisten Strom von PV-Anlagen zu vorteilhaften Konditionen. Weil das Energiegesetz die Preisgestaltung nicht im Detail regelt, variiert die Höhe der Einspeisevergütung von Region zu Region. Der aktuelle Durchschnitt liegt bei 110 CHF/MWh (Link).
- Minimalvergütung: Um die Rentabilität von PV-Anlagen auch bei niedrigen Marktpreisen sicherzustellen, wird ab dem 1. Januar 2026 eine schweizweit harmonisierte Minimalvergütung für die Einspeisung von Strom eingeführt (Link). Diese orientiert sich an der Amortisation von Referenzanlagen über ihre Lebensdauer und beläuft sich für Anlagen bis 30 kW auf 60 CHF/MWh.
- Herkunftsnachweis (HKN): Der HKN bescheinigt dem Produzenten die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien und dient gleichzeitig dem Energieversorger als Nachweis gegenüber dem Endverbraucher. Die HKN werden von einer akkreditierten Zertifizierungsstelle (Pronovo AG, eine 100 %‑Tochter von Swissgrid) an den Produzenten ausgegeben und können gehandelt werden. Der aktuelle HKN-Durchschnittspreis liegt bei 30 CHF/MWh (siehe).
- Einmalvergütung (EIV): Die EIV ist ein einmaliger Förderbeitrag für den Bau einer PV-Anlage. Die Höhe dieses Beitrags richtet sich nach Typ und Leistung der Anlage. Die EIV für eine angebaute Dachanlage mit einer Leistung bis zu 30 kW beläuft sich auf 380 CHF pro kW installierter Leistung (Stand April 2025). Bei einem Zinssatz von 4,07% entspricht dies einer zusätzlichen Vergütung von 25 CHF/MWh.
Insgesamt wird für jede eingespeiste MWh PV-Strom eine Vergütung von durchschnittlich 165 CHF ausbezahlt. Diese Vergütung reicht aus, um die Produktionskosten bei einem Zinsniveau von 3% zu decken und liegt rund 120 CHF/MWh über dem Marktpreis von 44 CHF/MWh.
Wer bezahlt die Differenz?
Die Einspeisevergütung (einschliesslich Mindestvergütung) sowie die zusätzliche Vergütung für die HKN wird von den Energieversorgern an die Betreiber von PV-Anlagen ausbezahlt und anschliessend auf alle Stromkunden überwälzt.
Die Auszahlung der EIV erfolgt durch den Bund über die Pronovo AG. Diese Förderung wird über den Netzzuschlag, den alle Stromkonsumenten in der Schweiz pro KWh bezahlen (aktuell 2,3 Rp./kWh), rückfinanziert.
Im Jahr 2024 wurden in der Schweiz rund 6 TWh Solarstrom produziert. Die an die Betreiber von Solaranlagen ausgerichtete Vergütung liegt mit 120 CHF/MWh deutlich über dem Marktpreis. Insgesamt subventionierten die Stromkunden die Gebäudephotovoltaik im Jahr 2024 somit mit 720 Millionen CHF.
In einer Studie des auf Analysen des Strommarkts spezialisierte Beratungsunternehmen Enerprice, wird aufgezeigt, dass diese Fördersumme bis zum Jahr 2035 auf 1,4 Milliarden CHF pro Jahr ansteigen wird. Die Gesamtsumme der Förderbeiträge der nächsten 10 Jahre soll sich auf 12,6 Milliarden CHF belaufen.
12,6 Milliarden CHF sind viel Geld. Trotzdem reichen diese Förderbeiträge nur knapp aus, um die Lücke zwischen den Produktionskosten der Photovoltaik und den mit Solarstrom erzielbaren Marktpreisen zu decken. Wenn man zudem bedenkt, dass diese Förderbeiträge zur Subventionierung einer Technologie aufgewendet werden müssen, die im Winter nicht in der Lage ist, den Strombedarf zu decken und im Sommer riesige kaum verkäufliche Überschüsse produziert, muss man sich wirklich fragen, ob die Schweiz mit ihren im Stromgesetz verankerten PV-Ausbauzielen nicht auf dem Holzweg ist.
PS: Die Vereinigten Arabischen Emirate kauften für 12,6 Mia. CHF zwei Kernreaktoren.
