Review-Bericht zur KKW-Kostenstudie der Akademie der Naturwissenschaften

Abbildung 1: Titelseite des Berichtes der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) zu Baukosten und Finanzierung von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz (Bildquelle).

2. Oktober 2026

Das vorliegende Review unterzieht die umstrittene Kostenstudie der Akademie der Naturwissenschaften einer detaillierten Analyse. Es deckt schwerwiegende methodische Mängel, Rechenfehler und spekulative Annahmen auf, die zu der astronomischen Maximalsumme von 43 Mia. CHF für ein neues Kernkraftwerk führten. Wie das Review zeigt, ist das gesamte Narrativ der Studie darauf ausgelegt, maximale Kosten für Schweizer Kernkraftwerks-Neubauten zu konstruieren. Ironischerweise liegen die damit berechneten Stromkosten am Ende dennoch nicht über denen von Gebäude-Photovoltaik.

Ausgangslage

In der Debatte um das KKW-Neubauverbot wird die Kostenfrage zentral thematisiert. Pünktlich zum Abstimmungskampf publizierte die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) einen Bericht mit dem Titel «Baukosten und Finanzierung von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz«, der trotz seines geringen Umfangs ein grosses Medienecho auslöste: Ein neues Kernkraftwerk könnte bis zu 43 Mia. CHF kosten.

Diese hohe Zahl wird von Kernenergiegegnern instrumentalisiert. Sie liegt deutlich über den Kostenschätzungen aller anderen weltweit verfügbaren Studien und ist wissenschaftlich stark umstritten. Forscher/innen aus dem ETH-Bereich werfen der Akademiestudie fehlende Transparenz, erhebliche methodische Schwächen und nicht nachvollziehbare Annahmen vor. Das völlig überhöhte Maximalszenario sei selbst unter pessimistischen Annahmen nicht herleitbar. Angesichts dieser Kontroverse habe ich mich entschieden, den Akademiebericht vertieft zu reviewen.

Schlussfolgerungen

Das vorliegende Review kommt zum Schluss, dass die Kostenstudie der Akademien schwerwiegende methodische Defizite aufweist und wissenschaftlich nicht haltbar ist. Die aufgeführten Kostenszenarien arbeiten mit spekulativen Kostenüberschreitungen, die durch reale Projekterfahrungen nicht gedeckt sind. Das mit 43 Mia. CHF pro Reaktor weltweit teuerste Maximalszenario, ist zudem irrelevant: Es basiert auf dem EPR-Ursprungstyp, der gar nicht mehr auf dem Markt angeboten wird.

Tabelle A: Gegenüberstellung der Kostenszenarien für ein neues KKW in der Schweiz gemäss den Angaben im Akademiebericht und von realistischen Vergleichsstudien (für nähere Angaben siehe Review-Kommentare zu Kapitel 9).

 AkademieberichtVergleichsstudien
Szenario/
Reaktortyp
Leist-
ung
[MW]
Reaktor-
kosten
[Mia. CHF]
Spezifische
Kosten
[CHF/kW]
Strom-
kosten
[CHF/MWh]
Reaktor-
kosten
[Mia. CHF]
Spezifische
Kosten
[CHF/kW]
Strom-
kosten
[CHF/MW[
Szenario Hoch / EPR1’6704327’0001941911’100100
Szenario Hoch / AP10001’1602522’0001641411’900105
Szenario Tief / EPR1’6702114’000117148’30084
Szenario Tief / AP10001’1601412’0001061210’50097

Wie die Gegenüberstellung in Tabelle A verdeutlicht, fallen die Kostenabschätzungen der Akademie extrem hoch aus: Sie übertreffen nicht nur die herangezogenen Vergleichsstudien, sondern auch die Maximalwerte aller anderen nationalen und internationalen Studien.

Das gesamte Narrativ des Akademieberichts ist sichtlich darauf ausgelegt, ein Szenario maximaler Kosten für Schweizer Kernkraftwerksneubauten  zu konstruieren. Ironischerweise sind die damit berechneten Stromkosten am Ende trotzdem nicht höher als die von Gebäude-Photovoltaik.

Zusammenfassung der Ergebnisse des Reviews

Der Akademiebericht wirkt handwerklich mangelhaft: Allein in der für die Berichtsaussagen zentralen Tabelle 2 weisen sechs von acht Kostenangaben Rechenfehler auf. Gravierender sind jedoch die methodischen Schwächen bei der Analyse der Bauprojekte:

  • Beschränkung auf Extremfälle: Die Analyse fokussiert einseitig auf die weltweit teuersten Neubauprojekte in Westeuropa und Nordamerika.
  • Verzerrte Grundlagendaten: Die Kostenüberschreitungen und Angebotskosten der betrachteten Projekte wurden auf aufgrund fehlerhaft interpretierter und konvertierter Daten zu hoch eingeschätzt.
  • Scheinkorrelationen: Der behauptete Trend stetig steigender Kosten resultiert lediglich aus einer selektiven Projektauswahl und deren chronologischer Sortierung. Als Grundlage für Schweizer Prognosen ist dies ungeeignet.
  • Ignorieren von Effizienzpotenzialen: Mögliche Kostensenkungen durch Designoptimierungen oder europäischen Erfahrungsaustausch werden fälschlicherweise bezweifelt.

Darüber hinaus integriert die Akademiestudie in ihren auf den Kostenanalysen basierenden Szenarien zusätzliche, willkürliche Annahmen zu potenziellen Kostenüberschreitungen:

  • Das Szenario Hoch / EPR operiert mit Maximalkosten von 43 Milliarden CHF, basiert jedoch auf einem veralteten, in Europa nicht mehr angebotenen EPR-Typ und ist daher für die Schweiz irrelevant.
  • Das Szenario Hoch / AP1000 nutzt um 30% überhöhte Angebotsdaten und einen willkürlichen Aufschlag von 75%, wodurch die kalkulierten Kosten das weltweit teuerste Projekt (Vogtle) um fast 60% übertreffen.
  • Das Szenario Tief / EPR basiert fälschlicherweise auf dem Erstlingsprojekt Penly statt auf einem Folgeprojekt mit Bauerfahrung. Entsprechen resultieren höhere Kosten als beim bisherigen Rekorddefizit Flamanville 3.
  • Das Szenario Tief / AP1000 nutzt zwar eine korrekte Angebotsbasis (Lubiatowo), schlägt aber willkürlich um 30% auf. Der Endwert von 12’000 CHF/kW liegt immer noch 15% über vergleichbaren Studien.

Insgesamt resultieren aus den Szenarien der Akademie die weltweit höchsten Kosten aller Studien zu Neubauten von Kernkraftwerken.

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