Ist das Stromabkommen wirklich zwingend?

Abbildung 1: Hochspannungsleitung im Bodennebel (Bildquelle).

13. Januar 2023

Zurzeit häufen sich die Artikel in den Medien, die für den Abschluss eines Stromabkommens und damit auch des Rahmenabkommens mit der EU plädieren. Der Grundtenor ist überall der gleiche: Für eine sichere Stromversorgung sei die Schweiz auf die EU angewiesen, ohne Stromabkommen werde es für die Schweiz sehr ungemütlich. Warum dieser Alarmismus?

Die Befürchtungen und Warnungen

Den Anfang machten am 14.11.2022 Swissgrid, Avenir Suisse und BFE. In einem NZZ Beitrag zur aktuell angespannten Energielage betonen die drei Organisationen die zentrale Bedeutung eines Stromabkommens mit der EU.

Am 12.12.2022 wurde dann das Piece de Resistance publiziert: Die Studie «Energiezukunft 2050» des Verbandes der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen VSE. Im Rahmen der Präsentation der Studienresultate hob VSE-Präsident Michael Frank hervor: «Dabei sind die Aussichten auf zukünftige Importmöglichkeiten aus der EU, wie wir wissen, alles andere als rosig. Deshalb muss ein Stromabkommen – oder noch besser ein Energieabkommen – mit der EU unser Ziel bleiben. Studienleiter Nick Zepf vom Stromkonzern Axpo doppelt bei Watson nach: «Die Schweiz braucht nicht nur ein Stromabkommen mit der EU, sondern ein Energieabkommen, wegen der Wasserstoffimporte.»

Dann ging es Schlag auf Schlag. Am 21.12.2022 veröffentlichte das BFE eine Studie zur langfristigen Versorgungssicherheit und kam zum Schluss, dass es bei eingeschränkten Importmöglichkeiten zu deutlichen Versorgungsengpässen über den ganzen Winter kommen könne. Eine direkte Einbindung der Schweiz in den europäischen Stromhandel sei die direkteste Massnahme, um die Versorgungssituation abzusichern.

In einem am 23.12.2022 erschienenen Interview mit dem Tages-Anzeiger warnte Alpiq-CEO Antje Kanngiesser vor den Folgen des Abseitsstehens bei der auf 2025 geplanten Verwirklichung eines EU-internen Strommarkts: «Faktisch droht die Schweiz vom europäischen Energiehandel abgekoppelt zu werden. Wenn das eintritt, dann ist die Strommangellage in der Schweiz ab 2026 Realität.»

Und last but not least am 30.12.2022 konnte Prognos-Direktorin Almut Kirchner die von ihrer Firma erarbeitete Energiestrategie des Bundes in einem ganzseitigen Interview mit der NZZ verteidigen und betonen, «dass der Umbau des Energiesystems nur dann gelingen könne, falls der Stromaustausch mit der EU gesichert werde».

Wenn man diese Befürchtungen und Warnungen liest, kommt man fast unweigerlich zum Schluss, dass die schweizerische Stromversorgung ernsthaft in Gefahr ist und dass diese Gefahr nur mit einem Stromabkommen mit der EU abgewendet werden kann.

Die Fakten

Um diese Drohkulisse zu überprüfen, würde ich normalerweise an dieser Stelle selbst etwas rechnen. Im vorliegenden Fall ist das aber nicht einmal nötig. In seiner Studie «Energiezukunft 2050» hat der VSE die Auswirkungen des energiepolitischen Verhältnisses der Schweiz zu Europa mittels vier verschiedener Szenarien untersucht: Je zwei für ein integriertes und ein isoliertes Energiesystem.

In den beiden integrierten Szenarien ist die Schweiz in den EU-Strommarkt eingebunden und kann in grossem Umfang Strom mit den Nachbarländern austauschen. In den isolierten Szenarien hingegen ist die Schweiz energiepolitisch kaum in Europa integriert und muss sich insbesondere in europaweiten Knappheitssituationen weitgehend selbst mit Strom versorgen. Da energiepolitisch keine Einigung mit der EU besteht, sind die Import- und Exportkapazitäten stark eingeschränkt.

Aufgrund der medien-öffentlichen Aussagen von VSE-Präsident Michael Frank müsste man erwarten, dass die isolierten Szenarien deutlich schlechter als die integrierten abschneiden. Dem ist aber nicht so:
Die Kosten des isolierten Szenarios «offensiv-isoliert» sind mit 24,3 Mia. CHF pro Jahr nur unwesentlich höher als die 24,1 Mia. CHF des integrierten Szenarios «offensiv-integriert» (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Systemkosten pro Jahr und Szenario. CAPEX zeigen die annualisierten Investitionen für die Wiederbeschaffung unterteilt nach Technologien (Kernkraft, Wasserkraft, PV und andere). Betriebs- und Unterhaltskosten (OPEX) zeigen die variablen und fixen jährlichen Kosten aller Technologien (Quelle: Abb. 28, https://www.strom.ch/de/dokument/energiezukunft-2050-die-energieversorgung-der-schweiz-bis-2050).

Entscheidend für eine sichere Stromversorgung der Schweiz sind die Importe im Winter. Diesbezügliche Angaben findet man im Studienbericht des VSE jedoch nicht, sondern ein wenig versteckt nur im Zusatzmaterial auf der VSE-Webseite: Der Stromimport im Winterhalbjahr (Oktober bis März) summiert sich im Szenario «offensiv-integriert» auf rund 7,5 TWh/a und im Szenario «offensiv-isoliert» auf lediglich 2,9 TWh/a. Damit ist das konsequenteste Isolations-Szenario mit Abstand am robustesten gegenüber einer Energieknappheit. In diesem Szenario müssen lediglich 6,5% des Strombedarfs im Winterhalbjahr importieren werden. Im Szenario «offensiv-integriert» sind es dagegen 20%.

Die Schlussfolgerungen

Das gute Abschneiden des Szenarios «offensiv-isoliert» zeigt, dass sich die Schweiz auch ohne EU-Stromabkommen, zu niedrigen Kosten, sicher mit Strom versorgen kann. Die von VSE-Präsident Michael Frank und den übrigen einleitend zitierten Exponenten beschworene Notwendigkeit eines Stromabkommens mit der EU findet in der VSE-Studie keine faktische Grundlage. Dass der VSE dieses Resultat der Studie in seiner Kommunikation nicht aufzeigt und es in den öffentlich zur Verfügung gestellten Unterlagen mehr recht als schlecht kaschiert wird, ist ziemlich dreist.

Mir ist schon bewusst, dass der VSE als Branchenverband die Interessen seiner Mitglieder vertreten muss und dass einige dieser Mitglieder aus kommerziellen Gründen gerne ein Stromabkommen mit der EU hätten. Aber zwingend für die Versorgungssicherheit ist es nicht.

2 Kommentare zu «Ist das Stromabkommen wirklich zwingend?»

  1. Der Strom wird ohne Stromabkommen weiterhin über die Stromgrenzen fliessen. Aber der Handel mit Strom wird damit erschwert und die Kosten für den Import von Strom, insbesondere im Winter, werden damit zunehmen. Bei der VSE Studie mussten abenteuerliche Annahmen über die Preiskurven für Stromimporte im Jahr 2040 und 2050 getroffen werden, und dies auch ohne Gewähr, dass die Nachbarländer diesen Strom auch liefern können und wollen. Falls die KKW dann nicht mehr in Betrieb sind und keine neue gebaut werden, muss im Winter in der Nacht massiv Strom aus dem Ausland importiert werden, auch wenn wir bis dann 20’000 MW PV installiert haben. Mit oder ohne Stromabkommen müssen wir dann mindestens 10 Gaskraftwerke à 300 MW bauen, um über genug gesicherte Leistung zu verfügen und das Netz ohne Verbraucherabschaltungen stabil zu halten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert