Abstimmungsvorlage Fernwärme: Klimaschutzbeitrag der neuen Verbrennungslinie Hagenholz ist vernachlässigbar klein

Abbildung 1: KVA Hagenholz (Bildquelle).

22. August 2023

Am 3. September 2023 stimmt die Stadt Zürich über den Bau einer dritten Verbrennungslinie in der Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz ab. Damit findet eine langjährige und teure Serie von Fehlplanungen bei Entsorgung und Recycling Zürich ERZ einen vorläufig neuen Höhepunkt. Trotz hoher Kosten von 367 Mio. CHF können die direkten städtischen CO2 Emissionen mit der neuen Verbrennungslinie um lediglich 1,3% gesenkt werden. Es zeigt sich einmal mehr, dass Fernwärme trotz enorm hoher Kosten nur einen sehr kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

Die Fernwärme in der Stadt Zürich ist ein Fass ohne Boden. In den Jahren 2018 bis 2022 wurden der Bevölkerung vier Vorlagen zum Ausbau des Fernwärmenetzes mit Gesamtkosten von 1’267 Mio. CHF unterbreitet, die allesamt angenommen wurden. Am 3. September 2023 stimmt die Stadt Zürich über einen weiteren Ausbauschritt von 367 Mio. CHF ab. Damit erhöhen sich die Ausgaben auf 1’634 Mio. CHF (Tabelle 1).

AbstimmungsvorlageDatumKosten
[Mio. CHF]
Dritte Verbrennungslinie KVA Hagenholz03.09.2023367
Ausbau thermische Netze27.11.2022573
Ausbau der Fernwärmeversorgung28.11.2021330
Energieverbund Altstetten und Höngg-West10.02.2019129
Erweiterung der Fernwärmeversorgung23.09.2018285
Total 1’684
Tabelle 1: Abstimmungsvorlagen der Stadt Zürich im Bereich der Fernwärme (Quellen: https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/politik_u_recht/abstimmungen_u_wahlen/aktuell/230903/230903-3.html, https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/politik_u_recht/abstimmungen_u_wahlen/archiv_abstimmungen/vergangene_termine/221127/221127-1.html, https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/politik_u_recht/abstimmungen_u_wahlen/archiv_abstimmungen/vergangene_termine/211128/211128-3.html, https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/politik_u_recht/abstimmungen_u_wahlen/archiv_abstimmungen/vergangene_termine/190210/parolen.html, https://www.stadt-zuerich.ch/portal/de/index/politik_u_recht/abstimmungen_u_wahlen/archiv_abstimmungen/vergangene_termine/180923/abstimmungszeitung.html ).

Mit der Vorlage vom 3. September 2023 soll eine dritte Verbrennungslinie in der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Hagenholz finanziert werden. Damit findet eine langjährige und teure Serie von Fehlplanungen bei der Fernwärme Zürich einen vorläufig neuen Höhepunkt.

Vorgeschichte

Die Abfallplanung des Kantons Zürich sieht vor, dass sich die Leistungsfähigkeit aller Kehrichtverwertungsanlagen nach der Abfallmenge im Kantonsgebiet richtet. Im Hinblick auf die anfangs der 2000er Jahre bestehenden Überkapazitäten, wurde die KVA Josefstrasse per 2011 aus der kantonalen Planung zur Entsorgung von Abfall ausgeschieden.

Aufgrund der Verträge mit den Fernwärmekundinnen und -kunden und einer entsprechenden Vorgabe im regionalen Richtplan, konnte die Stadt Zürich die KVA Josefstrasse jedoch nicht einfach stilllegen. Über 80 Prozent der Liegenschaften im Fernwärmegebiet Zürich-West sowie der Hauptbahnhof wurden mit Fernwärme aus der Josefstrasse bedient. Weshalb die kantonale Schliessungsvorgabe trotz der bestehenden Sachzwänge von der Stadt akzeptiert wurde, ist nicht nachvollziehbar.

Um die Fernwärmeversorgung von Zürich-West trotz des Ausschlusses der KVA Josefstrasse aus der kantonalen Abfallplanung sicherzustellen, beschloss die Stadt 2008 den vorübergehenden Weiterbetrieb der KVA. Die Betriebsleitung wurde einer neu geschaffenen, gemischtwirtschaftlichen Aktiengesellschaft übertragen. Der benötigte Abfall wurde aus Süddeutschland nach Zürich transportiert.

Eine alternative Lösung mit einem gas- oder biomassebetriebenen Heizkraftwerk wurde mit Verweis auf die mangelhafte Nachhaltigkeit verworfen. Dies trotz der Tatsache, dass gasbetriebene Heizkessel weniger fossiles CO2 ausstossen als KVAs, welche mit importiertem Abfall betrieben werden.

Da die Betriebsdauer der Verbrennungslinie an der Josefstrasse nur bis 2021 gewährleistet war, musste ein Ersatz für die Übergangslösung realisiert werden. Das diesbezüglich dem Stimmvolk am 23.09.2018 unterbreitete Projekt im Umfang von 285 Mio. CHF sah vor, Zürich-West mit Fernwärme aus der KVA Hagenholz zu versorgen. Dazu war der Bau einer Fernwärme-Verbindungsleitung vom Hagenholz vorgesehen, welche allein 146 Mio. CHF kosten sollte. Mit der Verbindungsleitung sollten nicht nur die bisherigen Gebiete in Zürich-Nord und Zürich-West, sondern auch zusätzliche Stadtgebiete wie Wipkingen, Unterstrass, Aussersihl und Sihlquai mit Fernwärme versorgt werden.

Entgegen den Angaben in den Abstimmungsunterlagen, verfügte die KVA Hagenholz damals nicht über die notwendigen Kapazitäten, um die Versorgung der neuen Gebiete sicherzustellen. Obwohl die Gegner der Vorlage auf diesen Umstand aufmerksam machten, wurde das Projekt von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung mit  83,3% Ja-Stimmen angenommen.

Im März 2021 wurde die KVA Josefstrasse stillgelegt. Wie zu erwarten war, ist die Wärmeproduktion von Fernwärme Zürich aus Kehricht seither von 550 GWh/a auf 420 GWh/a zurückgegangen. Die dadurch fehlende Wärmekapazität wurde durch die an der Josefstrasse neu erstellte jetzt gasbetriebene Energiezentrale ersetzt. Dadurch stieg der Anteil von fossilem Gas an der Stadtzürcher Fernwärmeproduktion von rund 20% vor 2021 auf 32% im Jahr 2022. Diese für 146 Mio. CHF erstellte Verbindungsleitung zwischen der KVA Hagenholz und der Energiezentrale Josefstrasse ist eine Fehlinvestition. Sie kann heute aufgrund der unzureichenden Verbrennungskapazität der KVA Hagenholz nicht genutzt werden.

Die zwischenzeitlich gebaute Verbindungsleitung macht erst wieder Sinn, wenn die im Jahr 2021 an der Josefstrasse abgebaute Verbrennungskapazität von 120’000 t/a in der KVA Hagenholz neu aufgebaut wird. Dies ist der Inhalt des Projektes, über welches am 3. September 2023 abgestimmt wird. Vorgesehen ist der Bau einer dritten Verbrennungslinie für die KVA Hagenholz für 367 Mio. CHF. Da der für die neue Verbrennungslinie benötigte Abfall von 120’000 t/a in der Stadt Zürich immer noch fehlt, soll dieser aus dem Kantonsgebiet zugeführt werden. Im Gegenzug wird die KVA Horgen stillgelegt und die Kapazität der KVA Winterthur reduziert. Die Stadt Zürich finanziert somit indirekt auch den Kapazitätsabbau in Horgen und Winterthur.

Die Verlagerung der Verbrennungskapazitäten von Horgen und Winterthur nach Zürich ist jedoch nicht zwingend. Man könnte auch alles so belassen wie es ist und die 146 Mio. CHF für die Verbindungsleitung als Fehlinvestition abschreiben.

Klimaschutz

In den Abstimmungsunterlagen begründet die Stadt Zürich die Notwendigkeit der dritten Verbrennungslinie mit dem Klimaschutz:

  • Der CO2-neutrale Anteil der Fernwärme könne von heute 70% auf 80% erhöht werden.
  • Die direkten städtischen CO2 Emissionen von 900 kt CO2/a könnten um 5% verringert werden.

Die dritte Verbrennungslinie würde damit wesentlich zum Klimaschutzziel Netto-Null 2040 beitragen.

Zur Begründung der beiden genannten Aussagen wird angeführt, dass die Abwärme einer KVA keine Primärenergie enthalte und deshalb als CO2-neutral gelte. Das ist natürlich eine irreführende Darstellung. Bei der Verbrennung von Kehricht wird sehr wohl CO2 freigesetzt, nämlich rund eine Tonne CO2 pro Tonne Kehricht. Davon stammen 50% aus dem Biomasseanteil des Kehrichts. Diese sind CO2-neutral. Die anderen 50% stammen aus den fossilen Kehrichtbestandteilen wie Kunststoffen etc. Diese sind nicht klimaneutral und müssen für das Netto-Null-Ziel angerechnet werden.

Die aus dem ERZ-Tätigkeitsbericht 2022 abgeleiteten korrekten CO2-Emissionen sind in Tabelle 2 zusammengestellt. Wie daraus ersichtlich ist, beläuft sich der CO2-neutrale Anteil der Fernwärme im Jahr 2022 auf 42% (Anteil Wärmeproduktion mittels Holz sowie 50% mittels Kehricht) und nicht wie im Abstimmungsbüchlein angegeben auf 70%. Bemerkenswert ist zudem, dass der CO2-Austoss durch die Umstellung der Wärmeproduktion an der Josefstrasse von Kehricht auf Gas um 12% von 225 kt CO2/a auf 197 kt CO2/a reduziert werden konnte.

Anlage/HH&JS (2018-2029)HH mit zwei VL (2022)HH mit drei VL (2027)
WärmequelleGWh/akt CO2/aGWh/akt CO2/aGWh/akt CO2/a
Kehricht544186418140720185
Holz88014101400
Gas186372665300
Öl6215400
Total859225839197860185
% CO2-neutral42% 42% 58% 
Tabelle 2: Wärme- und CO2-Produktion der verschiedenen KVA-Konfigurationen der Stadt Zürich: HH&JS – KVA Hagenholz und Josefstrasse (Mittelwert der Jahre 2018 bis 2020), HH mit zwei VL – KVA Hagenholz mit den bestehenden zwei Verbrennungslinien (Jahr 2022) und HH mit drei VL – KVA Hagenholz mit drei Verbrennungslinien mit 15% Effizienzsteigerung gemäss Abstimmungsvorlage (ab 2027). Das Übergangsjahr 2021 ist nicht aufgeführt. Quellen ERZ Tätigkeitsbericht 2022, https://www.stadt-zuerich.ch/ted/de/index/entsorgung_recycling/publikationen_broschueren/taetigkeitsbericht.html und eigene Berechnungen).

Im Rahmen der Realisierung der dritten Verbrennungslinie sollen auch die bestehenden Linien ertüchtigt werden. Dadurch steigt ihre Energieeffizienz und damit ihre Wärmeproduktion um 15%. Zusammen mit der neuen Verbrennungslinie kann die Produktionskapazität der KVA Hagenholz von 420 GW/a auf 720 GWh/a gesteigert werden. Bei einem gleichbleibenden Wärmebedarf von 860 GWh/a kann somit auf den Einsatz von Erdgas verzichtet werden. Der der CO2-neutrale Anteil der Fernwärme kann von 42% auf 58% gesteigert werden. Aber nicht auf 80% wie im Abstimmungsbüchlein versprochen wird. Die CO2-Emissionen sinken um 12 kt CO2/a von 197 kt CO2/a auf 185 kt CO2/a. Die direkten städtischen CO2 Emissionen sinken somit nicht wie in den Abstimmungsunterlagen ausgewiesen um 5% sondern lediglich um 1,3%.

Soviel zur Verlässlichkeit der Informationen der Stadtbehörden im Vorfeld einer Volksabstimmung – doch nun zu den Kosten.

Kosten und Fazit

Wie bereits dargelegt, ist die dritte Verbrennungslinie Hagenholz für die Fernwärmeerzeugeng der Stadt Zürich nicht erforderlich. Der zusätzlich benötigte Abfall steht in der Stadt Zürich gar nicht zur Verfügung und müsste aus Horgen und Winterthur antransportiert werden. Dies würde es den beiden Bezirken ermöglichen die Kapazitäten ihrer KVA zu reduzieren und damit Kosten einzusparen. Die Stadt Zürich kann von diesen Einsparungen aber nicht profitieren.

Es bleibt noch das Argument der CO2-Einsparung. Die Kapitalkosten der dritten Verbrennungslinie belaufen sich auf 18 Mio. CHF/a (Annahmen: 1,6% Realzins, 25 Jahre Abschreibungsdauer). Hinzu kommen gemäss Abstimmungsunterlagen betriebliche Zusatzkosten von 2,4 Mio. CHF/a. Die jährliche CO2-Einsparung von 12 kt kostet somit 20,4 Mio. CHF/a oder 1’700 CHF pro t CO2. Zur Einordnung: Im EU-Zertifikatehandel kostet eine Tonne CO2 zurzeit bei rund 90 EUR/t CO2 (Stand 22.08.2023). Das ist um rund einen Faktor 20 günstiger als die CO2-Einsparungen durch die neue Verbrennungslinie.

Das viele Geld wäre besser in eine CO2-Abscheidungsanlage investiert. Für lediglich 80 Mio. CHF statt 367 Mio. CHF könnten damit 220 kt CO2 statt nur 12 kt CO2 eingespart werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert